Sabine Wilms   

Sabine Wilms, Ph.D.

Research, Lectures, Translation 

Sabine Wilms in Rothenburg

Für diejenigen, denen ein tieferes Verständnis der  historischen Wurzeln der Chinesischen Medizin am Herzen liegt, ist Sabine Wilms eine echte Entdeckung. Die in New Mexico/USA lebende Sinologin und Medizinanthropologin kam zusammen mit ihrem druckfrischen Buch in diesem Jahr erstmalig nach Rothenburg.

Ihre englische Übersetzung der drei Bände zu Gynäkologie, die Sun Simiao (7.Jh. u.Z.) an den Anfang seines Hauptwerkes Qianjinfang (Prescriptions worth a Thousand Gold Pieces) gesetzt hat, gibt einen Einblick in die chinesische Betrachtungsweise des (weiblichen) Körpers und der zugehörigen als Frauenkrankheiten verstandenen Leiden z.Z. der Tang-Dynastieaus der Sicht eines Gelehrten und Ratgebers des kaiserlichen Hofes.

Als kritische Historikerin fragt Sabine Wilms stets nach dem Kontext, in dem eine/r spricht, schreibt und forscht. So beginnt sie auch ihre Kurse: mit der Offenlegung ihrer eigenen Geschichte, ihres Erkenntnisinteresses und der Frage nach dem „background“ der Anwesenden, die sofort ins Gespräch einbezogen sind und aus der Rolle der Konsumierenden entlassen werden. Ihr interaktiver Unterrichtsstil ist erfrischend, regt zum eigenständigen Denken an und liefert das Handwerkzeug für die eigene Beschäftigung mit historischen und zeitgenössischen Quellen gleich mit. Die Frage „wer spricht was und warum, von welchem Standpunkt aus, mit welchen kulturellen Werten und Vorurteilen im Hinterkopf…?“ ermöglicht allen, die es wollen, konstruktiv in Texten zu stolpern, Unverständliches zu hinterfragen und auch die eigenen „blinden Flecke“/Vorannahmen zu reflektieren.

Der kulturellen Vergleich läßt über den (Um)Weg der Betrachtung der chinesischen Philosophie neue Einsichten in die Grundlagen der eigenen, abendländischen Gesellschaft zu (ein Gedanke, der uns in diesem Jahr in Rothenburg auch von Francois Jullien nahe gebracht wurde). Um nur ein Beispiel zu nennen: Während die westliche Medizin auf der griechischen, anatomisch definierten eingeschlechtlichen Vorstellung vom männlichen Körper basiert, in der der Frauenkörper als dessen mangelhafte Abweichung verstanden wird, findet sich in den frühen chinesischen Quellen ein androgyner Körper, ein Yin-Yang-Kontinuum, das weder strikte anatomische Geschlechtsunterschiede herausstellt noch eine Hierarchie in sich trägt. 

Als Sabine Wilms im Kongressplenum feststellt, dass es keinen einzigen Hinweis darauf gibt, dass Sun Simiao praktizierender Arzt war, er als Gelehrter seine Rezepte sicher gesammelt und systematisiert hat, geht ein Raunen durch den Saal, leises Lachen und irritiertes Schweigen. Ist das große Vorbild nun entthront?

Sabine Wilms zeigt gerade in ihrer historischen Aufrichtigkeit, welch wertvoller Schatz in Sun Simiaos Werk enthalten ist. Ihre Betonung liegt dabei auf der Einsicht, dass die Medizin des alten China vor allem ein Werkzeug war, um anhand des Mikrokosmos Mensch den Makrokosmos zu verstehen und zu erklären. Uns die philosophischen Weisheiten und kulturellen Bilder als unverzichtbaren Teil der chinesischen Medizin nahe zu bringen, ist wohl ihr großes Anliegen.

Um sich auf diesen Weg zu begeben, brauchen die meisten von uns - des Chinesischen nicht mächtig - gute Übersetzungen, bei denen auch der Einfluss der Übersetzenden auf den Text klar wird. Sabine Wilms hat sich dieser Aufgabe verschrieben – in daoistischer Zurückgezogenheit auf ihrer Ziegen-Farm in den Bergen New Mexikos.


Marlies Bollow, Heilpraktikerin und Soziologin

Praxis für Chinesische Medizin, Auguststr. 49a, 10119 Berlin